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  "Graf Heinrich von Brühl" von Dr. Dietrich Weyhe  
     
  Am 28. Oktober 1763, vor 240 Jahren, starb Heinrich Graf von Brühl im Alter von 63 Jahren in seinem Dresdner Palais in der Augustusstraße, 6 Monate nach seiner Rückkehr aus dem polnischen Asyl, 23 Tage nach dem Tode seines Herrn, 15 Tage nach dem Rücktritt von seinen Ämtern und ein Jahr nach dem Tode seiner Ehefrau. Damit schloss die "Ära Brühl". Wer war dieser Mann, der einer bedeutenden Epoche der Geschichte Kursachsens seinen Namen gegeben hatte?

Heinrich Graf von Brühl wurde am 13. August 1700 in Weißenfels an der Saale (Sachsen-Anhalt) als fünftes Kind der Familie von Brühl geboren. Mit 2 Jahren verlor er seine Mutter. Im Alter von 13 Jahren wurde er Page am Weißenfelser Hof, mit 18 Jahren kam er an den kursächsischen Dresdner Hof.

Mit der Auszeichnung mit dem preußischen "Schwarzen Adlerorden" während des "Zeithainer Lagers" (als internationale Demonstration der kursächsischen Heeresreform von August dem Starken initiiert), begann für den 30jährigen Brühl eine bedeutende Karriere. Er stand nun in der besonderen Gunst des Kurfürsten, der ihm wichtige Posten in der Regierungsverwaltung übertrug.

Nach dem Tode des Landesherrn 1733 stattete dessen Sohn, Friedrich August II., Brühl zusätzlich mit weitreichenden Vollmachten aus: So wurde er im März 1733 Finanzminister, im Juni Kabinettsminister, ab 1738 waren ihm Kriegs-, Außen- und Innenministerium unterstellt. Am 17. Februar 1738 übergab der Kurfürst Brühl per Sondervollmacht die Verwaltung der "geheimen Ausgaben". Er durfte alle Abrechnungen "ohne Beleg" vornehmen und über die Verwendung dieser Gelder Dritten keine Auskünfte geben.

Am 8. Dezember 1746 wurde Brühl offiziell Premierminister. Zu Beginn des Siebenjährigen Krieges musste er mit dem Kurfürsten nach Warschau emigrieren, von wo aus er bis zum April 1763 die Staatsgeschäfte innerhalb der sächsisch-polnischen Union koordinierte. In dieser schweren Zeit konnte er nicht verhindern, dass seine Anwesen in Grochwitz, Nischwitz, Pförten und Oberlichtenau durch preußische Soldaten geplündert und anschließend verwüstet wurden.

Zweieinhalb Monate nach Kriegsende kehrte Heinrich von Brühl, bereits von der Krankheit gezeichnet, nach Dresden zurück. Den Beginn der Reformierung des sächsischen Staatswesens erlebte er nicht mehr.

Heinrich von Brühl umfassend zu charakterisieren, ist bis heute wegen unterschiedlicher gesellschaftlicher Wertungen nicht möglich. So haben die preußische Geschichtsschreibung und ihre Kopisten Brühl vorwiegend negativ beurteilt. Das resultiert aus der konträren Politik Friedrich II. von Preußen und der Brühls. Zum anderen wurde die Brühlsche Persönlichkeit dichterisch aufgeweicht, wie das der historisch nicht fundierten Brühlbiographie von Kraszewski zu entnehmen ist. Dieses Werk spiegelt nur die Wertung des 19. Jahrhunderts wider. Seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts versuchen nun die Historiker, das bisherige Brühl-Bild anhand neuer Quellen zu relativieren.

Heinrich von Brühl war von mittelgroßer Statur, immer korrekt gekleidet, ein Salonmensch mit verbindlichen Umgangsformen. Er konnte gut formulieren und galant unterhalten, war stolz auf seine höfische Erziehung, seit seiner frühesten Jugend mit absolutistischem Gedankengut vertraut und beiden Kurfürsten-Königen bedingungslos ergeben. Kritik am Herrscherhaus ließ er nicht zu. Er war ein sehr disziplinierter Beamter, dachte und handelte wie ein Beamter. Sein Diensteifer stieß oft auf Unverständnis. Er war rastlos, arbeitete bis zu 16 Stunden am Tage. Als Vielschreiber verfasste er bis zu 28 Briefe am Tag. Er arbeitete rationell, war berechnend, konnte energisch sein und Durchsetzungsvermögen zeigen. Als Diplomat erwarb er sich politischen Weitblick, beherrschte die Spielregeln auf dem internationalen Parkett, schätzte Risiken gut ein, meistens jedenfalls, war verschwiegen und ein guter Taktierer.

Für die Jagd konnte er sich nicht begeistern. Er bevorzugte lammfromme Pferde und dann auch nur, wenn es die Etikette verlangte. Brühl konnte ausgezeichnet organisieren und arrangieren. Sicherlich resultierte daraus auch seine verschwenderische Renommiersucht.

Heinrich von Brühl besaß einen ausgeprägten Familiensinn, dessen Grundlage bereits in Weißenfels gelegt wurde. Den Ausgleich zu seinem anstrengenden Beruf fand er in seiner Familie, die ihn so unterstützte, dass sie von der Schmähsucht seiner Feinde weitestgehend verschont blieb. Dabei nahm seine böhmische Frau, die er 1734 heiratete, eine Schutzengelfunktion ein. Er war ein treuer Ehemann und hielt sich, sehr zur Verwunderung seines Umfeldes, keine Mätressen. Aus dieser Ehe stammten 11 Kinder. Nur eine Tochter und vier Söhne erreichten das Erwachsenenalter

Heinrich von Brühl war von Jugend an ein gläubiger Protestant und ist es auch am katholischen Hof geblieben. Er vertraute immer auf Gott. So ertrug er den Zusammenbruch seines Lebenswerkes, Neid und Missgunst, Mord- und Giftanschläge, die böswilligen Zerstörungen seiner Besitzungen, den Verlust seiner geliebten Frau und seines kurfürstlichen und königlichen Herrn und Gönners, ohne dass seine Religiosität erschüttert werden konnte. Seine tiefe Frömmigkeit spiegelt sich auch in seinem Testament, das er 3 Monate nach dem Tode seiner Frau im August 1762 in Warschau verfasste und in der Kanzlei des Pförtener Schlosses deponieren ließ, wider. Er hat seinen evangelischen Glauben nie verleugnet, obwohl er sich katholisch trauen ließ und die katholische Erziehung seiner Kinder tolerierte. Auch gegenüber Juden, die sich Anfang des 18. Jahrhunderts wieder in der sächsischen Residenz ansiedeln durften, zeigte er sich aufgeschlossen. So genehmigte er ihnen ab 1750 in Dresden einen eigenen Friedhof, denn vorher mussten sie ihre Toten im böhmischen Teplitz zu Grabe tragen. Ferner begünstigte Brühl ab 1747 jüdische Händler, indem er ihnen großzügig Freipässe für die Leipziger Messe ausstellen ließ, um sie befristet von Sonderzöllen zu befreien.

Heinrich von Brühl war ein musisch veranlagter Mensch, der Malerei, Theater, Musik, Ballett sowie die Stilentwicklung des Meißner Porzellans förderte, das mittlerweile an allen europäischen Höfen sehr begehrt war. Privat besaß er umfangreiche Sammlungen - Gemälde, Bücher, Pretiosen, Porzellane - die der Repräsentation sowie der Befriedigung seines Ehrgeizes dienten. Seine Porzellansammlung gehörte zu den bedeutendsten Dresdner Privatsammlungen des 18. Jahrhunderts. Als große Kostbarkeit enthielt sie das zum Mythos gewordene "Große Service für Brühl", bekannt als "Schwanenservice", aus Meißner Porzellan. Dieses nur zu festlichen Anlässen benutzte, sehr aufwändig gestaltete spätbarocke Speiseservice war für ca. 100 Personen bestimmt und bestand ursprünglich aus mehr als 2000 Einzelteilen. Es wurde zwischen 1737 und 1741 hergestellt, und Brühl brauchte dafür keinen Taler zu bezahlen, durfte er doch per Order von 1737 über Meißner Porzellan für Repräsentationszwecke frei verfügen. Erstmalig wurde das Schwanenservice im Schloss Pförten 1740 benutzt und dann 1750, als der Kurfürst Brühls Gast war. Im Siebenjährigen Krieg ausgelagert tauchte es 1793 wieder auf und wurde seitdem von den Brühlschen Nachkommen als "stilles Erbe" behütet und verehrt, bis es ab 1940 sicher verwahrt werden musste. Das Ende des 2. Weltkrieges überstand es tragischerweise aber nicht. Nur etwa ein Fünftel blieb unbeschädigt und gelangte auf abenteuerlichen Wegen bis 1970 ins Ausland, weltweit in 7 Staaten, vorwiegend aber nach Europa.

Heinrich von Brühl war auch ein kreativer Stadtgestalter. So konzipierte er mit detaillierten Weisungen an den Baumeister Johann Christoph Knöffel die Neugestaltung der 1748 durch einen Brand fast vollständig zerstörten Stadt Forst in der Lausitz, deren Grundherr er seit 1746 war. Als Vorbild dienten dabei die Aufbauerfahrungen von Altendresden, das im August 1685 einem verheerenden Stadtbrand zum Opfer fiel. Jedenfalls war Graf Brühl mit seinem neuen Forst so zufrieden, dass er testamentarisch festlegte, nur in dieser Stadt und nicht in Dresden beigesetzt zu werden, und zwar in der 1752 von ihm geweihten St. Nicolai-Kirche.

In Dresden prägte Brüht das neue Stadtbild mit, was oft ignoriert wird. Unter seiner Regie entstanden verstärkt nichthöfische Bauten, wie ministerielle Einrichtungen, Wohnungen für Beamte und Diplomaten sowie auch Repräsentationsgebäude, wie die Rathäuser in der Alt- und Neustadt oder die Frauenkirche. Für deren Bau organisierte er 28 000 Taler, die ursprünglich als Kollekte für Protestanten bestimmt waren, die 1732 aus dem katholischen Salzburg emigrieren mussten, aber nicht in Dresden blieben.

Heinrich von Brühl besaß im Kurfürstentum Sachsen über 20 Immobilien, die er ab 1731 erwarb, aber auch wieder verkaufen musste, um bevorzugte Grundstücke ausbauen zu können. 1731 kaufte er für 30 000 Taler Grochwitz bei Herzberg und ließ es von 1732 - 1738 zu seinem Lieblingssitz umbauen. Nischwitz bei Wurzen kam 1744 in seinen Besitz (Kaufpreis 75 000 Taler) und wurde von 1745 - 50 neu errichtet, auch um als Zwischenquartier für Reisen zur Leipziger Messe zur Verfügung zu stehen. Brühl erwarb Pförten, 10 km nordöstlich von Forst, am 24. März 1740 für 160 000 Taler, von 1741- 48 erfolgten bauliche Veränderungen. Das Schloss diente als Hauptsitz der Familie von Brühl und als Zwischenstation für Reisen des Sächsischen Hofes zwischen Dresden und Warschau. Im September 1758 wurde es durch preußische Truppen verwüstet, ab 1878 jedoch mehrfach zu einem stillosen Herrenhaus umgebaut. Brühls Nachfahren bewohnten es bis Anfang Februar 1945. Erst nach dem 25.April 1945 brannte es bis auf die beiden rechts und links befindlichen Kavaliershäuser, die heute Hotel sind, aus. Das Schloss ist immer noch Ruine. Heute befindet sich das Anwesen im polnischen Brody. In Dresden gehörte Brühl u.a. das Palais in der Augustusstraße. Es war die eigentliche sächsische Residenz, in der Politik gemacht wurde und wichtige Empfänge und repräsentative Festlichkeiten stattfanden. Auch in und um Warschau besaß er Grund und Boden, den er nur erwerben konnte, weil er seit 1748 die polnische Staatsbürgerschaft besaß. So ließ er das seit 1750 ihm gehörende Sanguszkopalais in der polnischen Hauptstadt von 1758 - 61 zum luxuriösen "Palais Brühl" umbauen, ohne es je zu bewohnen. Im Dezember 1944 fiel es auf Befehl Hitlers der Sprengung zum Opfer.

Heinrich von Brühl ist durch seine zahlreichen und einträglichen Ämter, seine sächsischen und polnischen Immobilien und durch seine Manufakturen, die bis auf 2 Tuchfabriken und eine Seifensiederei nicht marktfähig waren und nur für seine Besitzungen arbeiteten, zu einem der reichsten Männer Kursachsens geworden. Sein Nettojahressold als Beamter betrug 39 000 Taler. Ein Zuschlag von 51 000 Taler für Spesen war ungesetzlich. Außerdem erhielt er seit 1733 vom Kurfürsten 27 240 Taler als "außerordentliche Begnadigung". Sein fixes Jahreseinkommen betrug also 66 240 Taler. Zum Vergleich: andere hochrangige Hofbedienstete hatten immerhin ein Jahressalär von 15 - 25 000 Taler, bedeutende Künstler und Musiker 1000 - 6 000 Taler, Angestellte 250 - 450 Taler. Ein Winzer verdiente 48 Taler und 16 Groschen, ein Großknecht 10 Taler.

Trotz seiner diplomatischen Erfahrungen schaffte es Heinrich von Brühl nicht, für Kursachsen im habsburgischen Schlesien einen Transitkorridor auszuhandeln, um die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen innerhalb der sächsisch-polnischen Union zu verbessern. Da Preußen Besitzansprüche in Schlesien anmeldete und rigoros durchsetzte, kam es zwischen beiden Staaten zum Konflikt, der den Preußenkönig und Brühl zu Gegnern werden ließ. Friedrich II verfolgte den sächsischen Premierminister mit einem beispiellosen Hass, der in systematischen Verleumdungen Brühls und in der Zerstörung eines Teils seines Besitzes gipfelte. Auch dessen Familie verschonte der Preuße nicht. Die Gräfin Brühl wurde ein halbes Jahr nach der Emigration ihres Mannes unter dem Vorwand, sächsischen Soldaten zur Flucht aus der preußischen Armee verholfen zu haben, aus Dresden ausgewiesen. Die beiden jüngsten Söhne Brühls konnten sich noch rechtzeitig durch einen Tipp von Christian Fürchtegott Gellert aus Leipzig dem preußischen Militärdienst entziehen und sich nach Straßburg absetzen. Da Friedrich II. in Brühl den Urheber für die nationale und internationale Ächtung Preußens sah, veranlasste er ab Herbst 1757, dessen Repräsentationsgebäude in Sachsen nach der Devise "von Brühls Besitz soll nichts überdauern" zu zerstören. Das erste Opfer wurde am 20.2.1757 Grochwitz, das nächste Plünderungsobjekt am 21.1.1758 Nischwitz. Am 5.9.1758 legten 200 preußische Soldaten das Schloss Pförten innerhalb von 3 Stunden in Schutt und Asche. Am 4.7.1760 plünderten sie Oberlichtenau bei Pulsnitz. In Dresden verschonte der "Alte Fritz" zwar das Brühlsche Palais, das er vom 14.11.1756 bis zum 20.3.1757 bewohnte, nicht aber das strategisch bedeutungslose "Brühlsche Belvedere" auf der Venusbastion der Festung Dresden, das er 1759 zerstören ließ. Friedrich II lastete man sogar die Urheberschaft eines Bombenanschlages auf Brühl am 7. April 1761 in Polen an, was jener jedoch entrüstet bestritt.

Auch in der sächsischen Verwaltung wurde seit 1749 Brühls Aufstieg mit offener Feindschaft begegnet. Es waren die Stände, die in ihren Landtagsversammlungen neben radikalen Veränderungen der Behördenstrukturen seine Entlassung aus dem Staatsdienst forderten. Der Kurfürst verwahrte sich gegen solche nur ihm zustehenden Personalentscheidungen und berief seitdem keine weiteren Ständeversammlungen mehr ein, sondern nur noch die von Brühl geleitete "Ministerkonferenz".

Bei Dienstgesprächen mit Brühl versah der Landesherr zum Zeichen des Einverständnisses wichtige Vorgänge immer mit seinem Signum. Brühl hatte also, trotz weitreichender Vollmachten, keine alleinige Entscheidungsfreiheit, was oft behauptet wird. Als Premierminister musste er Instruktionen erarbeiten, Beamte anleiten und kontrollieren, Verhandlungen mit Gesandten führen und einen Großteil der Repräsentationen übernehmen.

Da die absolutistische Gesellschaftsordnung die öffentliche Sphäre nicht von der privaten trennte, war es Brühl jederzeit möglich, im staatlichen Auftrag ein fürstliches und verschwenderisches Leben zu führen und zum Beispiel seine Vorzeigeimmobilien in Dresden, Pförten und Nischwitz dem sächsischen Hof und seinen Gästen für Festlichkeiten, Empfänge oder Übernachtungen zur Verfügung zu stellen.

Mit der preußischen Besetzung Sachsens 1756 und dem Ausweichen des sächsischen Hofes nach Warschau wurde das Regieren erheblich erschwert. Die in Dresden gebliebenen leitenden Beamten hatten unter Okkupationsbedingungen Entscheidungen zu treffen, die im 650 km entfernten Warschau vom Kurfürsten und von Brühl abgesegnet werden mussten. Das war trotz der schnellen Staffettenreiterei, die die Nachrichten zu überbringen hatte, sehr zeitaufwändig. Die Wirtschaft in Kursachsen brach immer mehr zusammen, auch in Polen hinterließ der Siebenjährige Krieg seine Spuren. Der emigrierte sächsische Hof und die nachgereisten Beamten, Diplomaten, Künstler und Handwerker mussten sich Sparzwängen fügen. Die Hofbeamten konnten kaum noch entlohnt werden. Brühl versuchte, mit Subsidien die Finanzierungsprobleme zu lösen und den Sold für die Staatsdiener aus eigener Tasche vorzuschießen. Aus Sparsamkeitsgründen gab er keine Empfänge mehr und nahm auch trotz Einladungen an solchen nicht mehr teil. Seit Anfang der 1760er Jahre wurde die Politik des sächsischen Hofes zunehmend von den polnischen Magnaten mit Propaganda gegen die sächsisch-polnische Union boykottiert. Es gab sogar im Sejm im Herbst 1762 Angriffe auf Brühl.

Schon 1760 befürworteten der Kurfürst und sein erster Minister auf Drängen des bürgerlichen Thomas Freiherr von Fritsch in einem Rescript den Wiederaufbau des kriegsgeschädigten Sachsens. Die dafür eingesetzte "Restaurationskommission" legte ein halbes Jahr nach Kriegsende die Grundprinzipien für eine Neuordnung des sächsischen Staatswesens vor. Das Amt des Premierministers wurde abgeschafft, Heinrich von Brühl aus dem Staatsdienst entlassen. Er hätte ohnehin auf Grund seiner schweren Erkrankung diese Reformen nicht mehr unterstützen können. Die Stände erhielten wieder ihren alten Status. Die Verfechter des "aufgeklärten Absolutismus" wollten neben der Beseitigung der Kriegsschäden auch die Abschaffung feudaler Vorteile und Privilegien sowie die Stärkung des bürgerlichen Einflusses bei Regierungsentscheidungen.

Auf der Suche nach einem Schuldigen für den politisch ausgelösten Niedergang des Landes erwies sich das fast gleichzeitige Ableben von Friedrich August II. und Heinrich von Brühl als eine willkommene Fügung. Das "Geheime Kabinett" machte den ehemaligen Premier allein dafür verantwortlich; das Image des Landesherrn durfte dabei auf keinen Fall beschädigt werden. Eineinhalb Jahre recherchierten Revisoren und Juristen, um Brühl Verfehlungen nachzuweisen. Die umfangreichen Prüfberichte belasteten ihn schwer. Am 25. März 1765 wurde gegen den verstorbenen Brühl die Anklage wegen "Vergreifens an landesherrlichen Kassen, Anmaßung und Majestätsbeleidigung" formuliert. Auf eine Anklageerhebung in Polen verzichtete man, um den dortigen Tribunalen die sächsischen Finanzzustände nicht offen legen zu müssen. Im Mai 1765 wurde die Kommission zur Beschlagnahme der mobilen und immobilen Hinterlassenschaften Brühls einberufen. Im August desselben Jahres verlangten nunmehr vier einflussreiche Minister ultimativ von Prinz Xaver, der das Land für den noch unmündigen Sohn des Kurfürsten Friedrich Christian bis 1768 regierte, endlich den Prozess zu eröffnen. Brühls Erben erhoben dagegen Einspruch; Prinz Xaver zögerte, weil ihn ein französischer Freund vor dem Verfahren gewarnt hatte. Es würde die Wettiner blamieren und das Regime erschüttern.

Im Februar 1768 musste das "Geheime Konsilium" trotz Protest und Ablehnung der Verantwortung einen Teil des konfiszierten Brühlschen Nachlasses wieder freigeben. Im September entschied dann Prinz Xaver endgültig, Heinrich von Brühl nicht zu verurteilen: eine Anklage hätte sich gegen das absolutistische System und damit gegen den Kurfürst-König selbst gerichtet. Da es offiziell keine Urteilssprechung gab, ist es im nachhinein schwierig, Brühls Verhalten zu bewerten. Das Verfahren gegen ihn sollte nach bürgerlichem Recht erfolgen, das eine Kontrolle der Staatsfinanzen fordert. So wird Heinrich von Brühl vorgeworfen, er habe sich unerlaubt öffentlicher Gelder für private Zwecke bedient. Das ist nicht belegbar. Unterlagen darüber fehlen. In der Beweisführung gegen ihn sind die Geldsummen nur geschätzt. Unbewiesen ist auch eine persönliche Bereicherung auf Grund seiner Verwaltungsbefugnis über die "geheimen" Ausgaben des Kurfürsten. Die dafür verwendeten Kassenscheine, auf denen "zu einem besonderen Behufe" vermerkt war, trugen das kurfürstliche Signum, also die Unterschrift Friedrich August II. Demnach ist ein Missbrauch dieser Belege auszuschließen. Auch der Vorwurf, Geschenke vom Kurfürsten angenommen zu haben, muss relativiert werden. Sie waren offiziell, per Order erfolgt, also belegbar. Heinrich von Brühl war nicht der einzige Beamte, der Gnadenerweise erhalten hatte. Schenkungen waren damals durchaus üblich, als Auszeichnung oder auch zur Erreichung politischer Ziele.

Bei der Durchsicht der umfangreichen Literatur über den Grafen Brühl begegnete der Historiker Aladar von Boroviczeny zu seiner Überraschung "bloß abfälligen Urteilen über den Mann, der so viel für sein Vaterland geleistet hatte, wie kaum ein Mensch vor ihm. Und in den unmittelbaren Quellen gab es keine einzige historisch begründete Tatsache, welche das landläufige, ungünstige Urteil über den sächsischen Premierminister rechtfertigte. Gewiss war auch Brühl, wie jeder große Mann, nicht frei von menschlichen Schwächen. Dass seine Feinde alles Böse über ihn erfinden und ersinnen konnten, war begreiflich. Dass aber all die Fabeln und Verleumdungen, die ein offenkundiger Feind über einen Mann verbreitet hatte, durch zwei Jahrhunderte wie ein historisches Dogma kritiklos übernommen wurden, steht wohl im Falle Brühl einzig da. Heinrich Graf von Brühl musste, wenn auch nicht ganz unschuldig, als Sündenbock für andere herhalten."

Aus heutiger Sicht scheiterte Brühl an dem Versuch, dem Mitte des 18. Jahrhunderts historisch überlebten feudal-absolutistischen Regime zu einer Renaissance zu verhelfen. Er unterlag dem Irrtum, dem militärisch überlegenen Gegner König Friedrich II. von Preußen nur mit diplomatischen Mitteln begegnen zu können.

Trotz alledem hat sich Heinrich Graf von Brühl große Verdienste um die Vervollkommnung der Dresdner Kunstsammlungen und um das Bauwesen in und außerhalb der kursächsischen Residenzstadt erworben. Unabhängig von der Betrachtung wird sein Name immer ein Bestandteil der sächsischen Geschichte bleiben.
 
     

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