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  Eine neue Attraktion in den Kasemattenvon Christoph Zeidler  
     
  Am 11. Juli 1553, gegen 8 Uhr in den Morgenstunden, verschied Moritz, Herzog zu Sachsen, des Heiligen Römischen Reiches Erzmarschall und Kurfürst, Landgraf in Thüringen, Markgraf zu Meissen und Burggraf zu Magdeburg, an den Folgen einer Verwundung, die ihm im Kampf gegen den Hohenzollern Landgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulm­bach zwei Tage zuvor in der Schlacht bei Sievershausen (zwischen Hanno­ver und Peine) zugefügt worden war. Damit starb, obgleich erst 32jährig, der wohl bedeutendste Fürst, der in der 829jährigen Herrschaftsgeschichte des Hauses Wettin die Sächsischen Lande regiert hatte. Am 21. März 1521 zu Freiberg als ältester Sohn Herzog Heinrichs des Frommen geboren, bestieg er im Alter von 20 Jahren am 18. August 1541 den Thron der Albertinischen Linie der Wettiner. Ihm sollte ein ungewöhnlicher politischer Aufstieg vorbehalten sein. Bald nach seinem Regierungsantritt zeigte sich sei­ne Veranlagung zu ausgesprochen hoher Selbständigkeit des Urteils und der Entschlußkraft sowie zu überdurchschnittlicher Konsequenz in der Verfolgung selbstgestellter Ziele. Diese bestanden in der Vollendung der Reformation mit den damit verbundenen Land- und Mittelgewinnen aus der Säkularisierung kirchlichen Besitzes. Sie bestanden nicht zuletzt aber auch in der Entwicklung seines mittelstaatlichen Herzogtums zu einem zentralgeführten frühabsolutistischen protestantischen Staatsgebilde als bedeutender Machtfaktor bei der jene Jahrzehnte bestimmenden Durch­setzung territorialfürstlicher Ansprüche gegenüber der kaiserlich-habsburgischen Absicht der Installation einer erblichen Zentralgewalt durch Kaiser Karl V. als Konsequenz der von ihm vertretenen universalen Auffassung des Kaisertums. Die Krönung seiner Absichten konnte nur in der Überwindung der Sächsischen Landesteilung von 1485 und im Übergang der Kurwürde von den Ernestinern auf die Albertiner bestehen. Letzteres war nur mit dem Kaiser als oberstem Machtherren im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, ersteres nur gegen ihn als Katholiken durchzuset­zen. Beide Ziele sind weitgehend erreicht worden, auch wenn Moritz die reichsrechtliche Anerkennung der Reformation auf dem Reichstag zu Augs­burg im Februar 1555 sowie den endgültigen Sieg über die Ernestiner durch seinen Nachfolger August in den Grumbachschen Händeln 1567 nicht mehr erlebte. Das sich Moritz dabei, im Widerstreit zwischen politischer Aufga­be und gültiger Moral, anfechtbarer doppelzüngiger Verhaltensweisen, die ihm vor allem bei protestantisch Gesinnten eine weitgehend abschätzige Beurteilung eintrugen, sowie zeitgemäß auch militärischer Mittel bediente, welche letztlich sein eigenes Schicksal heraufbeschworen, ist angesichts des Erfolges nachträglich als sekundär einzuschätzen. Die innen- wie außenpolitisch hohe Befähigung, eine realistische Zielsetzung und ihre konse­quente Verwirklichung durch den jungen Regenten, die das Sächsische Kurfürstentum zur protestantischen Führungsmacht und nach den Habsburgern zur stärksten politischen Kraft in Deutschland aufsteigen ließen, haben schon seine Zeitgenossen erkannt: keinem anderen Wettiner ist ein so opulentes Grabmal, wie es noch heute im Dom zu Freiberg den Besucher beeindruckt, errichtet worden.

Doch damit nicht genug! Die gewonnene Machtfülle des jungen Herrschers dokumentierte sich auch in den Bauten an seinem Regierungssitz. Neben einer hochgradigen Umgestaltung des alten Residenzschlosses diente die bereits 1545 begonnene Neubefestigung vor allem des linkselbischen Dresden in der damals den Stand der Verteidigungstechnik repräsentierenden Altitalienischen Bastionsmanier der Sicherheit und Zierde der Stadt. Sie stellte angesichts der möglicherweise zu erwartenden kriegerischen Aus­einandersetzungen als Folge der Reformation, aber auch im Hinblich auf das Vordringens der Türken eine wichtige Präventivmaßnahme dar. Zum Gedenken an seinen verstorbenen Bruder, dessen Vermächtnis es nun zu erhalten und auszubauen galt, ließ sein Nachfolger Kurfürst August (31.7.1526 - 1553 - 11.2.1586) an der Stelle der Festungsmauer, da Moritz den Bau hinterlassen und er ihn nun weiterzuführen hatte, ein umfangrei­ches, weithin sichtbares Ereignisdenkmal errichten. Am 18. Oktober 1553 überreichte der Festungsbaumeister Caspar Vogt von Wierandt dem Kur­fürsten die Entwurfszeichnung für das „gedechtniß". Das als ältestes und wertvollstes Denkmal Dresdens in wesentlichen Teilen heute noch existierende „Moritzmonument" dürfte 1555 enthüllt worden sein. Es wird von zwei kräftigen, in Voluten auslaufenden Kragsteinen getragen, deren Sei­tenflächen von naturalistischem Rankenwerk geziert sind und im Sockel­geschoß eine Inschriftentafel einfassen. Die seitlich in von Putten getragen Kartuschen angegebene Jahreszahl MDLIII bezieht sich auf den Anlaß, nicht auf die Errichtung, wie vielfach fälschlich angegeben wird. Im Haupt­geschoß flankieren vier Säulen einen glatten Mauerkern, vor dem ausgear­beitete Figuren stehen: an der Vorderseite links Kurfürst Moritz, dem ein hinter ihm aufragendes Totengerippe das Stundenglas als Zeichen abge­laufenen irdischen Daseins weist, während er seinem von rechts heranschreitenden Bruder August, die Regierungsgewalt symbolisierend, das Kurschwert übergibt. Göttliche Gnade erfahren die beiden Potentaten durch die Heilige Dreieinigkeit in der Darstellung von Gottvater in der Mitte, Christus links und rechts der Taube als Versinnbildlichung des Heiligen Geistes. Vor den Seitenflächen stehen links die Kurfürstin Agnes, die Gemahlin von Moritz in Witwentracht mit Kinnbinde, rechts die Gemahlin Augusts, die Kurfürstin Anna, in zeitgemäßer reicherer Kleidung und un­verhülltem Antlitz. Ein Gebälk mit Dreischlitzgliederung schließt das Denkmal nach oben hin ab. Seitlich angebrachte Inschriftentafeln mit den über­tragenen Originaltexten stammen aus dem Jahr 1871.

Die ursprüngliche Gestaltung muss wesentlich aufwendiger gewesen sein, wie die wohl angesichts einer Wiederherstellung 1591 angefertigte Zeich­nung des Malers Zacharias Wehme (um 1558 - 1606), eines Schülers von Lucas Cranach d.J., bewies (seit Kriegsende verschollen). Wappenschilder, Freifiguren mit Schilden und Speeren auf einer Attika über dem Hauptge­schoss sowie wappentragende Knaben, erläuternde Inschrifttafeln und die Gestalten von Magnanimitas (Großmut), Victoria (Siegesruhm), Sapientia (Weisheit) und Pax (Friede) sowie eine aufwendige Sgraffitomalerei mit grotesken Motiven haben mit Sicherheit einen tiefen Eindruck beim Betrachter hinterlassen. Die Idee für das Gedächtnismahl dürfte von Kurfürst August selbst stammen, der Entwurf wird den italienischen, seit 1550 am sächsischen Hof tätigen und auch mit der Sgraffitofassadendekoration des Residenzschlosses beschäftigten Brüdern Benedict (1525 - 1572) und Gabri­el Tola (1523 - 1569) zugeschrieben. Obwohl sein Name urkundlich nicht erscheint, kommt für den plastischen Teil des Werkes als einziger damals in Dresden lebender Bildhauer nur Hans Walther II (1526 - 1586) aus dem berühmten weitverzweigten Künstlergeschlecht der Walther in Betracht. Er war bereits als Schöpfer von Grabsteinen für adelige Rittergutsbesitzer, die sich noch heute in Kirchen der Dresdner Umgebung befinden, hervor­getreten, erhielt aber mit diesem im Freien aufgestellten Monumentalwerk eine ihm bisher noch nicht angetragene neue Aufgabe.

Obwohl sie naturgemäß kein politisches Amt bekleideten, erwies man den Ehefrauen der Herrscher als den Erhalterinnen der Dynastie und damit der Macht im Lande, wie das Denkmal bestätigt, durchaus eine hohe Wertschätzung:

Kurfürstin Agnes

Geboren am 31.5.1527 zu Marburg als Tochter des Landgrafen Philipp I. von Hessen, der als einer der Führer im Schmalkaldischen Bund und damit im politischen Reformationsgeschehen bekanntlich eine bedeutende Rolle einnahm, und dessen Frau Christina, einer Tochter des sächsischen Her­zogs Georgs des Bärtigen; Eheschließung mit Moritz am 9.1.1541 in Kassel, der mit der Wahl der erst 14jährigen (!) bereits eine insistente Haltung gegenüber seinen Eltern, die sicher aus dynastischen Gründen eine andere Schwiegertochter favorisiert hatten, bewies; zweite Eheschließung am 26.5.1555 zu Weimar mit dem Ernestiner Herzog Johann Friedrich dem Mittleren von Sachsen-Coburg-Eisenach; verstorben am 4.11.1555 und be­graben in der Stadtkirche St. Peter und Paul zu Weimar.

Kurfürstin Anna („Mutter" Anna)

Geboren am 22.11.1532 im Schloß zu Hadersleben (dän. Haderslev) als Tochter König Christians III. von Dänemark; Eheschließung mit Herzog, später Kurfürst August am 7.10.1548 in Torgau, verstorben am 11.2.1586 in Dresden, begraben im Dom Unser Lieben Frauen zu Freiberg.

Das durch zweifachen Ortswechsel - 1822 nach der Demolition der Hasenbergbastion (Bastion Mars) an die Moritzallee, 1895 an die jetzige Stelle am Terrassenufer - sowie Umwelteinflüsse, ungeeignete Restaurationen, Vernachlässigung und Vandalismus nach mehr als vier Jahrhunderten doch in recht desolaten Zustand gekommene Sandsteinmonument mußte 1997 vollständig demontiert und einer Generalrestaurierung zugeführt werden. Während von dem aufwendigen architektonischen Aufbau noch Originalstücke wieder verwendet werden konnten, musste man sich bei den figuralen Bestandteilen für das vollständige Kopieren entscheiden. Die aufwendigen Arbeiten führte der Bildhauermeister Vaclav Elis (Fa. Elis-Stein, Dres­den) mit großem handwerklichem Geschick und hohem Einfühlungsver­mögen aus.

Am 6. September 2000 konnte das ehrwürdige Denkmal der Öffentlichkeit endlich wieder übergeben werden. Die Originalfiguren, zunächst in Räumlichkeiten der Restaurationswerkstatt untergebracht, zieren nunmehr seit dem 11. Juli 2002, nachdem ein entsprechendes Fundament aus Sandsteinquadern angelegt worden war, die große Kehlkasematte der Kleinen Basti­on (R5) der Gewölbe unter der Brühlschen Terrasse. Obwohl auch von der Hochwasserflut im August 2002 betroffen, sind dadurch nur geringfügige zusätzliche Schäden aufgetreten. Über den unmittelbaren Aufstellungsort kann man vielleicht geteilter Meinung sein, auf jeden Fall stellen die überlebensgroßen Plastiken eine zweifelsohne augenfällige Attraktion und Be­reicherung der Führungen im Rundgang zum Kleinen Kanonenhof dar.

 
         
         

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