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  "Altes Gemäuer - Schutzraum für bedrohtes Kulturgut?" von Dr. Dietrich Weyhe  
         
  Bei kriegerischen Auseinandersetzungen in den vergangenen 190 Jahren bemühte man sich, aus Dresdner Museen wertvolle Ausstellungsexponate dadurch zu retten, dass sie vorübergehend ins Umland ausquartiert wurden, zunächst auf die Festung Königstein, im 20. Jahrhundert auch in Burgen, Schlösser, Herrenhäuser und in die Kasematten der Renaissance-Festung Dresden. Man war sich bei diesen Aktionen durchaus bewusst, dass diese Depots nur Provisorien sein konnten und hoffte, dass sie verschont bleiben würden.

In den folgenden Ausführungen soll über Schwierigkeiten bei der Evakuierung und Lagerung von Kultur- und Kunstgut aus den Dresdener Sammlungen im Siebenjährigen Krieg (1756 -1763) und besonders im Zweiten Weltkrieg (1939 -1945) berichtet werden. Erst als Dresden im Siebenjährigen Kriege das zweite Mal von den Österreichern besetzt wurde, begann man im September 1759 mit der Rettung eines Teiles der „Schilderelen" aus der kurfürstlichen Galerie , die 1742 etwa 2000 Gemälde umfasste. Auf mehreren großen Lastkähnen wurden der„ gute und mittlere Vorrath" dieser Schilderelen elbaufwärts zur Festung Königstein befördert und dort u. a. im „Johannessaal" des „Neuen Zeughauses" aufbewahrt, zum größten Teil nicht ausgepackt, nur einige Bilder wurden ausgestellt. Am 18. Oktober 1760 berichtete der Galerieinspektor Johann Anton Riedel dem emigrierten Grafen Brühl nach Warschau, dass insgesamt 444 Bilder in 35 Kisten nach Königstein geschafft worden seien. Das Raumklima in den Festungsräumen war aber so schlecht, dass einige Bilder „anliefen" oder „Falten" schlugen und der Holzwurmbefall zunahm.

Nach dreieinhalbjähriger Auslagerungsdauer ging dann am l0. März 1763 der erste Transport der zum Teil geschädigten Bilder per Schiff wieder zurück nach Dresden, einen Monat nach Unterzeichnung des Friedensvertrages von Hubertusburg, der den Siebenjährigen Krieg zwischen Preußen, Österreich und Sachsen beendete (3).

Einen großen Verlust hatte während dieses Krieges die Gemäldesammlung von Kurfürst Friedrich August II. in seinem Jagdschloss Hubertusburg (18. Jh.) bei Oschatz erlitten, als es am 18. Januar 1760 von preu­ßischen Truppen geplündert und verwüstet worden war. Nur noch 12 Bilder von ca. 300 Bildern blieben übrig, die im Jahre 1755 mit anderen Gemälden per kurfürstlicher Order aus Dresden auf dem Wasser- und dann auf dem Landweg ins Schloss befördert worden waren (3).

Der wohl tragischste Abschnitt in der Geschichte der sächsischen Kunstsammlungen begann im 20. Jh. kurz vor Ausbruch des II. Weltkrieges, der von nun an ihr Schicksal bestimmte. Bereits 1937 gab es erste Evakuierungspläne. Vier Tage vor Kriegsbeginn schloss die Gemäldegalerie ihre Pforten (3). Nach Informationen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (1) wurden erstmalig am 07. September 1939 Teile der „Meißener Abteilung" aus der Dresdener Porzellansammlung umverlagert , und zwar in die Festungskasematten unterhalb der „Brühlschen Terrasse", Eingang „Georg -Treu-Platz". Einzelheiten dazu (Art der Bestandsgruppen, Zahl der Verpackungskisten, genaue Lokalisation, Lagerungsdauer) sind unbekannt (1 ). Es ist anzunehmen, dass diese Porzellane dort nicht länger als bis Juli 1943 verblieben, und zwar in Räumlichkeiten neben dem „Ziegeltor".

Am 10. Apri1 1940 traten weitere Porzellane -sachgerecht in 162 Kisten verstaut- ihren Transport in die Gewölbe der Albrechtsburg zu Meißen an.

Im Juli 1943 verfügte die Porzellan-Galerie über Außendepots in den Schlössern Albrechtsburg (15.-17. Jh.), Reichstädt (16.-18. Jh.), Rammenau (18. Jh.), Pulsnitz (18. Jh.) und auf der Festung Königstein (13.-18. Jh.).

So fanden im Schloss Reichstädt im Kreis Dippoldiswalde u.a. die „Japanischen Porzellane" bis zum Kriegsende eine Bleibe und auch die in zwei Kisten verpackten 37 Teile des berühmten „Schwanen­Services" (1.Hälfte des 18. Jahrhunderts), die von der Familie Graf Brühl aus Pförten (polnisch:Brody) dem Kunstgewerbemuseum in Dresden als Dauerleihgabe ab 1907-1920 überlassen worden waren (5).

Im April 1942 war aber immer noch ein großer Teil der Dresdner Museumsobjekte in unzureichend geschützten Räumen innerhalb der Stadt untergebracht. Obwohl von den Museologen mit Nachdruck der Bau eines bombensicheren Kunstbunkers unter der Gemäldegalerie oder eines Kunstschutzkellers in der Dresdner Heide gefordert worden war, lehnte man beide als „nicht kriegswichtig" ab.

Erst als in den folgenden Monaten zunehmend auf deutsche Städte Bomben fielen, wurden unverzüglich die noch in Dresden befindlichen Kulturgüter unter strengster Geheimhaltung auf über 40 (!) Orte in Sachsen verteilt, um sie weitgehend vor Verlusten zu bewahren. Es war die bisher umfangreichste Auslagerungsaktion in der Geschichte der Dresdner Museumsschätze, wobei gegen Kriegsende vor allem Gemälde erneut den Standort wechseln mussten, obwohl es dagegen besonders aus konservatorischer Sicht erhebliche Bedenken gab.

Bis zum 06. August 1942 fanden insgesamt 941 sehr wertvolle Gemälde außerhalb von Dresden eine neue Bleibe, so in der Albrechtsburg und Sachsenburg (15.-17. Jh.) bei Frankenberg, im Schloss Weesenstein (14.-19. Jh.), im Schloss Joachimstein (1. Hälfte 18. Jh.) und auf der Festung Königstein.

Vom einst repräsentativen Barockschloss J o a c h i m s t e i n ist - nach Plünderung und weitgehender Verwüstung am Ende des II. Weltkrieges und anschließendem Verfall - die äußere Bausubstanz gerettet worden. Das Gebäude liegt südlich von Görlitz heute auf polnischer Seite bei Radmeritz (Radomierzyce) an der Einmündung der Wittig in die Lausitzer Neiße (gegenüber von Hagenwerder) und wurde 1728 auf den Mauern eines alten Wasserschlosses errichtet. Joachimstein war das am östlichsten gelegene Kunstdepot der Dresdner Sammlungen (Entfernung: 80 km Luftlinie). Zu diesem Zeitpunkt glaubte man noch , dass die dorthin evakuierten 157 großformatigen Gemälde (u.a. von Tizian, Rubens, Canaletto, Veronese) keine kriegsbedingten Schäden erleiden würden.

Die F e s t u n g K ö n i g s t e i n galt schon immer als ein sehr sicherer Ort. 177 Jahre nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges musste sie wieder als geheimes Kunstverwahrungsdepot her­halten: Ab 1940 wurden über viele Monate Exponate aus allen Abteilungen der Dresdener Museen, einschließlich dem „Grünen Gewölbe", nur nachts antransportiert und mittels des damalig 46 m hohen Lastenaufzuges auf das Festungsplateau gebracht, um sie dann u. a. in den Kasematten auf der NW-und SW-Seite der Festung und auch auf dem Zwischenboden über dem „Johannessaal" aufzubewahren. Aus Geheimhaltungsgründen oblag die Kontrolle der über 450 Kisten mit wertvollem Inhalt nicht der Festungskommandantur, sondern allein den Museumsangestellten aus Dresden, die sich wöchentlich abwechselten. Selbst der für den Lastenaufzug verantwortliche Elektriker und der Brunnenmeister waren nicht mit in diese Geheimaktionen eingebunden (4).

Durch die Anfang 1945 veränderte Frontlage waren die nach Ostsachsen ausquartierten Kunstwerke direkt kriegsbedroht, sodass sie in aller Eile in Unterkünfte links der Elbe gebracht werden mussten.

Zu den im Februar 1945 zu räumenden östlichen Depots gehörte auch das Schloss M i l k e I (16.-18. Jh.) bei Bautzen, wo u.a. 241 Gemälde lagerten. 154 davon sollten am 13. Februar 1945 per LKW mit Hänger zum Schloss S c h i r i t z bei Zehren transportiert werden. Die Überführung war aber wegen der kriegsbedingten Straßenumleitungen nicht an einem Tage möglich, weshalb in Dresden ein Zwischenstopp eingelegt werden musste. Als sichere Unterstellmöglichkeit für die Nacht entschied man sich für den Durchgang im Festungswall der „Brühlschen Terrasse" zur Münzgasse (oder zur Brühlschen Gasse?), ohne zu ahnen, dass alle Bilder in dieser Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 bei dem Bombenangriff verbrennen würden. Dasselbe Schicksal erlitten in 10 Kisten verpackte Porzellane aus dem Schloss

R a m m e n a u , die zum westlich gelegenen Bergungsort S c h I e i n i t z weitergeleitet werden sollten. Auch sie wurden bei einem Kurzaufenthalt im Dresdener Schloss in dieser Nacht zerstört (3).

Eines der drei großen Auslagerungsdepots in Sachsen war neben der Festung Königstein und dem Schloss Weesenstein die A I b r e c h t s b u r g in Meißen. In ihr befand sich seit Februar 1940 als ein­ziges und wertvollstes Gemälde die „Sixtinische Madonna" von Raffael, das 1512/ 13 entstand und die Ausmaße von 265 x 196 cm besitzt. Ab Mai 1943 waren dort bereits -in 63 Kisten verpackt- über 400 Ge­mälde registriert. Die Aufbewahrungs- und Kontrollbedingungen verschlechterten sich zusehends. Vor allem die hohe Luftfeuchte machte den Kunstwerken zu schaffen, so dass - nach Intervention des Direktors der „Dresdener Gemäldegalerie" Prof. Dr. Herrmann Voß - eine erneute Umquartierung erforderlich wurde.

So transportierte man am 15. und 20. Dezember 1943 die „Sixtinische Madonna" und noch 12 weitere wertvolle Gemälde unter strengster Geheimhaltung von Meißen in den als Stollen angelegten , an beiden Enden verschließbaren Eisenbahntunnel der stillgelegten Sandsteinwerke R o t t w e r n d o r f bei Pirna . In ihm befand sich ein für diese 13 Bilder speziell umgebauter Waggon.

Bis zum 5. Mai 1945 kamen dann noch 334 Gemälde hinzu, die dort in einer zusätzlich aufgestellten einfachen Holzbaracke platziert wurden. Dieses Tunneldepot war gegenüber den Räumen in der Albrechtsburg zwar bombensicherer. Doch die hier noch höhere Luftfeuchte konnte nicht reguliert werden, so dass die Schäden an den Kunstwerken zunahmen.

Als Ende März 1945 Meißen vom Oberkommando der Deutschen Wehrmacht zur Festung erklärt wurde, waren die noch auf der Albrechtsburg befindlichen kostbaren Gemälde und Porzellane hochgradig kriegsgefährdet. So brachte man zwischen dem 27. April und dem 5. Mai 1945 mit fünf Transporten

189 Meisterwerke (darunter den „Zinsgroschen" von Tizian, um 1516) und 54 Kisten mit Porzellanen aus den Manufakturen Meißen, Ludwigsburg, Wien und Kopenhagen zum 80 km entfernten, durch seine Waldlage gut getarnten, historischen Kalkbergwerk L e n g e f e I d (Krs. Marienberg) ( 2 ). Dort standen als Depoträume in ca 50 Metern Tiefe auf der zweiten Sohle drei „Weitungen" für einfache Baracken mit einer Gesamtlagerungsfläche von 500 Quadratmetern zur Verfügung. Die Gemälde wurden je nach Größe über eine Rutsche oder per Aufzug in die Tiefe befördert ( 2). Nach dem Verstauen wurden die Baracken zugenagelt.

Der zuletzt genutzte Zufluchtsort für Museumsstücke in Lengefeld war zwar der bombensicherste, aber auch der durch eindringendes Sickerwasser feuchteste. Schon während der Einlagerung der Gemälde standen die unterirdischen Baracken inmitten von Wasser und Eis. Der komplette Einbau einer Klimaanlage konnte nicht mehr realisiert werden, denn 3 Tage nach Ankunft des letzten Kunsttransportes aus Meißen war der Krieg vorbei. Dass die in Lengefeld untergebrachten Kunstwerke gerettet werden konnten, ist in erster Linie zwei einheimischen Bergleuten zu verdanken, die den Befehl verweigerten„ den Stolleneingang zuzusprengen, um die Kunstwerke nicht in feindliche Hände gelangen zu lassen ( 2 ).

Am B. Mai 1945 kapitulierte Deutschland, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die „geheimen Kunstdepots" im Lande von den Siegermächten aufgespürt wurden.

Zwanzig Jahre später dienten die Dresdener Festungskasematten am Terrassenufer wieder als Depot, und zwar für erhaltenswerte Architekturfragmente, die aus den Kriegstrümmern der Stadt von Denkmalspflegern geborgen worden waren. Diese Fundstücke lagerten dort bis Mitte der 1990er Jahre.

Seit Juli 2002 befindet sich hier eine Skulpturengruppe aus Sandstein, das MORITZMONUMENT von 1555, das älteste, fast noch im Original erhaltene Großdenkmal Dresdens, das einst als Außenschmuck der Festung allen Anfeindungen trotzte und nun - altersgeschwächt und notsaniert - darauf wartet, im Dresdner Schloss eine sichere und endgültige Bleibe zu finden.



Literatur:

(1) Loesch, A. (2009): Persönliche Mitteilung (02.04.2009)

(2) Pach, S. (1999) : Geheimdepots im Erzgebirge - Schatzkammern auf Zeit, 98 S., Landratsamt Mittlerer Erzgebirgskreis Marienberg.

(3) Seydewitz, R. und M. (1961) :Das Dresdener Galeriebuch, 362 S., Verlag der Kunst Dresden (4) Weber, D.(1975) :Festung Königstein, 80 Seiten, Brockhaus Leipzig

(5) Katalog der Staatl. Kunstsammlungen Dresden (2002) : Schwanenservice Meissener Porzellan für Heinrich Graf von Brühl, 276 S., Edition Leipzig

(6) Dehio,G. (1965) : „Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler - Die Bezirke Dresden, Karl Marx-Stadt, Leipzig“, 470 S.,


 
 
         

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