Die provisorische Befestigung von Dresden durch die Preußen
An dieser Stelle soll ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Befestigungsgeschichte von Dresden behandelt werden, das aus dem Krieg von 1866 resultiert.
Vor dem Krieg
Im Jahr 1866 kam es zu einer Entwicklung, die den Status von Dresden als offene Stadt gefährdete.
Seit 1815 waren die vielen deutschen Staaten im Deutschen Bund zusammengeschlossen, um sich gegen Angriffe von außen, aber auch revolutionäre Bestrebungen im inneren zu schützen. Die Revolution von 1848/49, die scheiterte, hätte zu einem einheitlichen Nationalstaat führen können. Danach verstärkten sich die Widersprüche zwischen den beiden sogenannten Großmächten im Bund, dem Königreich Preußen und dem Kaisertum Österreich. Letzteres umfasste große Gebiete im Südosten Europas mit vielen nichtdeutschen Völkern, die teilweise nicht zum Bundesgebiet gehörten. Preußen wollte nun einen kleindeutschen Nationalstaat unter Ausschluss Österreichs bilden. Seitdem Otto von Bismarck 1862 Ministerpräsident von Preußen geworden war, bereitete er die Durchsetzung dieses Ziels mit militärischen Mitteln vor.
1866 verstärkten sich die Spannungen zwischen Österreich und Preußen. Alles deutete auf einen Krieg hin. Da sich die Bestrebungen Preußens gegen den bestehenden Bund und damit gegen geltendes Recht richteten, standen die meisten der anderen Bundesstaaten auf der Seite Österreichs. Es kam zu umfangreichen Kriegsvorbereitungen und zu einer ununterbrochenen Propaganda, von Seiten Preußens auch gegen Sachsen, das als Hauptschuldiger am Krieg dargestellt wurde.
Der Krieg beginnt
Am 14. Juni wurde im Bundestag über einen österreichischen Antrag gegen Preußen abgestimmt. Er wurde mit 9 zu 6 Stimmen angenommen. Preußen stellte dem Königreich Sachsen und weiteren Staaten am 15. Juni ein Ultimatum bezüglich eines Neutralitätsbündnisses. Sachsen lehnte sofort ab und so kam bereits am frühen Abend eine Kriegserklärung. Noch vor 22 Uhr überschritten die vor Wochen aufmarschierten preußischen Truppen an mehreren Stellen die Grenze.
Die bei Dresden konzentrierte sächsische Armee zog sich daraufhin nach Böhmen, also nach Österreich, zurück. Wichtige Teile der Regierung, darunter mehrere Minister, die königliche Familie und große Mengen militärischer Ausrüstung wurden mit Eisenbahn und Dampfschiffen durch das Elbtal nach Böhmen geschafft. König Johann überschritt mit der Armee am Morgen des 18. Juni die Grenze beim Nollendorfer Pass. In Dresden hatte er eine sogenannte Landeskommission eingesetzt, die den Staatsapparat am Laufen halten sollte.
Abb01-Einmarsch-Preußische Truppen am Postplatz, Leipziger Illustrierte Zeitung 1866
Ab Mittag des 18. Juni rückten tausende preußische Soldaten in Dresden ein. Auch andere Teile von Sachsen wurden von preußischen Truppen besetzt. Ihr Ziel war aber nicht Sachsen, sondern der Vormarsch nach Böhmen. Ein großer Teil der preußischen Armee sollte aus einem Gebiet etwa 50 Kilometer östlich von Dresden bis etwa nach Görlitz nach Nordböhmen vorstoßen. Eine andere große Gruppierung sollte aus Schlesien über das Riesengebirge ebenfalls in Böhmen eindringen. In Richtung Dresden wurde die sogenannte Elbarmee geschickt, die die sächsische Armee ausschalten oder zumindest in Schach halten sollte. Wenn sie die Lage um Dresden geklärt hätte, sollte ein Teil von ihr ebenfalls nach Böhmen ziehen.
Eine folgenschwere Entscheidung
Der preußische Generalstabschef General Helmuth von Moltke hatte seine Feldzugspläne laufend entsprechend der aktuellen Situation aktualisiert. Als am 14. Juni feststand, dass Preußen nun den Krieg beginnen würde, stellte er der Militärführung den aktuellen Plan vor. Der erste Satz auf seinem Notizzettel lautete: „Dresden wird verschanzt.“
Man fürchtete, dass feindliche Truppen aus westlicher Richtung, z.B. Bayern, über Dresden in die Flanke des preußischen Großangriffs auf Böhmen stoßen könnten. Davor wollte man sich mit möglichst wenig Soldaten schützen, brauchte deshalb eine Befestigung von Dresden. Moltke ging davon aus, dass die potentiellen Angreifer nur Feldgeschütze bei sich hätten. Man musste sie so weit von der Stadt fernhalten, dass diese Geschütze die beiden Elbrücken nicht ernsthaft beschädigen könnten.
Am 20. Juni besprach Moltke mit dem Generalinspekteur der Pioniere General von Wasserschleben die Befestigung von Dresden. Dieser erhielt einen königlichen Befehl, dass er „nunmehr schleunigst die Befestigung von Dresden, insbesondere am linken Ufer, in die Hand zu nehmen hat.“
Mit der Durchführung wurde Oberst von Mertens beauftragt. Der war an der Erstürmung der Düppeler Schanzen 1864 im Krieg gegen Dänemark leitend beteiligt und hatte später den Neubau von preußischen Schanzen an diesem Ort geleitet. Zu Kriegsbeginn leitete er in Kiel die Befestigung des Hafens.
Von Mertens war damals im preußischen Pionierkorps der größte praktische Experte für den Bau und die Erstürmung von Schanzen. Am 21. Juni wurde er telegrafisch nach Berlin beordert, erhielt dort am 22. seine Instruktionen und reiste sofort nach Dresden weiter, wo er in der Nacht zum 23. Juni eintraf.
Seine Instruktion lautete: „Dresden links der Elbe ist in zwei bis drei Wochen Arbeitszeit so zu befestigen, dass es von einer Division gehalten werden kann. In der Hauptsache kommt es dabei auf den Schutz der beiden Elbbrücken an, damit jederzeit ein vom Feinde unbelästigter Uferwechsel vorgenommen werden kann. Dresden rechts der Elbe gilt durch die Operationen der Hauptarmee als hinreichend gedeckt. Die Erhaltung der reichen Hilfsquellen der Residenz ist zwar wünschenswert, steht aber erst in zweiter Linie."
Der letzte Satz ist wichtig. Dresden kann ruhig zerstört werden, wenn nur die Brücken intakt bleiben.
Bauarbeiten wider Willen
In Dresden war am 19. Juni Lothar von Wurmb eingetroffen, bis dahin Landrat im preußischen Weißenfels. König Wilhelm I. von Preußen hatte ihn als Zivilkommissar für Sachsen eingesetzt. In dieser Funktion war er der Übermittler aller preußischen Befehle und Anliegen an die sächsische Landeskommission. Insbesondere hatte er auch sächsisches Geld für die Finanzierung der preußischen Kriegsmaschine einzutreiben und die Versorgung der Truppen sicher zu stellen.
Abb02-Dresden 1866 vor dem Schanzenbau
Nachdem Oberst von Mertens mit dem damaligen preußischen Oberkommandierenden für Sachsen, General von der Mülbe, die Verhältnisse vor Ort erkundet hatte, machte er sich an die Planung. Zeit und Ressourcen, auch die Zahl der Verteidiger, waren begrenzt. Also wurde ein möglichst enger Schanzenring entworfen. Er sollte aus 5 Schanzen bestehen (mit den römischen Nummern I bis V). Außerdem gab es noch 4 Batterien (mit den Namen A bis D) zur Deckung von Zwischenräumen. Die Mauern von zwei Friedhöfen sollten für Stellungen genutzt werden. Auch den Garten des Palais von Prinz Georg und den Ostrand des Großen Gartens wollte man befestigen.
Am 25. Juni teilte Zivilkommissar von Wurmb der Landeskommission mit, dass die Militärgewalt Dresden befestigen wolle und dass dazu der Zoo und ein Teil des Großen Gartens beseitigt werden müssen. Für den nächsten Tag erhielt die Landeskommission den Auftrag, 150-200 Zimmerleute sowie 6.000 sonstige Arbeiter mit Spaten und Hacke zu stellen. Außerdem waren 1.000 Schubkarren, 12,5 Kilometer Eisenbahnschienen und Holz zu Palisaden zu liefern.
Die Landeskommission, der Rat der Stadt und die Stadtverordneten protestieren, aber es nützte nichts. Lediglich der Zoo und ein Teil des Großen Gartens konnten gerettet werden, weil man die Witwe von Friedrich August II. einschaltete, deren Zwillingsschwester die Witwe des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. war.
Abb03-Dresdner Anzeiger 27. Juni 1866
Die sächsischen Behörden ließen sich Zeit. Erst am 27. Juni veröffentlichte der Rat der Stadt in seinem Amtsblatt eine Aufforderung für potentielle Arbeitskräfte.
Es fanden sich nur wenige Dresdner und andere Sachsen als Arbeiter ein, obwohl viele in und um Dresden wegen des Krieges keine bezahlte Beschäftigung hatten. Sowohl Patriotismus, als auch Angst, von den Preußen wie im Siebenjährigen Krieg gewaltsam in eine Uniform gesteckt zu werden, hielt diese Menschen vom Schaufeln ab. Am 29. Juni waren erst 650 Mann da, die zum großen Teil wegen körperlicher Ungeeignetheit entlassen werden mussten.
Daraufhin schickte Oberst von Mertens zwei Offiziere nach Berlin, die etwa 4000 Arbeiter heranholten. Am 1. Juli trafen die ersten 800 Leute ein. Ein großes Problem war deren Unterbringung.
Abb04-Schanze 4 am Großen Garten, zeitgenöss. Lithographie
Als sich dann der Tageslohn von einem Taler herumsprach, kamen auch Einheimische. Am 6. Juli waren 5.000 Mann da. Da waren schon zwei Wochen um. Allerdings hatte man statt 200 Zimmerleuten 500, so dass deren Arbeiten zügig verliefen. Um die verlorene Zeit aufzuholen, arbeitete man bei den im Juli langen Tagen in zwei Schichten zu neun Stunden, was für die preußischen Offiziere und Pioniere eine hohe Belastung darstellte.
Am 7. Juli wurden bereits etwa 1.000 preußische Arbeiter wieder weggebracht. Schon am 20. Juli konnten die Geschütze aufgestellt werden.
Am 19. Juli wurde mit der Anlage der vier Batterien begonnen. Diese waren nach fünf Tagen fertig. Der Bau von Blockhäusern und Baracken zog sich bis zum 4. August hin.
Schanzen und Batterien
Was ist eigentlich eine Schanze? Der Begriff wird für verschiedene Arten von Befestigungen genutzt. So ist die über 2.000 Jahre lang genutzte Anlage am Rand von Coschütz unter den Namen „Heidenschanze“ bekannt. In der Neuzeit kam es im Zusammenhang mit den vielen Kriegen in Europa zu unzähligen Schanzenbauten, auch im Umfeld von Dresden.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts verstand man unter einer Schanze eine Feldbefestigung, die es Verteidigern gestattete, sich gut gegen einen angreifenden Gegner verteidigen zu können. Diese Schanzen erinnerten an kleine Forts permanenter Befestigungen der damaligen Zeit. Sie waren mit großen Wällen versehen, die zur Aufstellung von Geschützen dienten und gegen feindliche Feldgeschütze einen gewissen Schutz boten. Außerdem gab es Stellungen für Infanterie. Schanzen wurden in Vorbereitung eines Krieges oder im Krieg an Stellen gebaut, die man für gefährdet hielt und wo es keine permanenten Befestigungen gab.
Abb05-Detailplan der Schanze III
Große Schanzen hatten umlaufende trockene Gräben, in diesen auch Palisaden. In die Gräben wurden Kaponieren eingebaut, die ein Beschießen von eindringenden Gegnern aus einer befestigten Deckung ermöglichten.
Abb06-Palisaden im Museum Dybbøl (Dänemark) 2002
Schanzen wurden zwar nach genau festgelegten Standards gebaut, aber immer der Geländesituation angepasst, weshalb jede Schanze in Dresden eine individuelle Form hatte.
Neben den Schanzen wurden auch Batterien gebaut. Diese waren kleinere Befestigungen, die nur der gegen Frontalfeuer geschützten Aufstellung von einigen Geschützen dienten. In ihnen gab es keine Stellungen für Infanterie. Größere Batterien hatte einen Hindernisgraben auf der Feindseite und waren an der Rückseite mit Palisaden geschlossen, damit plötzlich auftauchende kleinere Gruppen gegnerischer Soldaten, z.B. Kavallerie, es nicht so einfach hatten, die Geschütze zu stürmen.
Abb08-Detailplan Batterie C
Der Ring wird geschlossen
Am 4. August, dem endgültigen Ende der Bauarbeiten, war der Krieg schon vorbei. Etwa einen Monat vorher, am 3. Juli, hatte es bei Königgrätz die große Entscheidungsschlacht gegen Österreich gegeben, die Preußen gewann. Die Österreicher, mit ihnen die sächsische Armee, zogen sich immer weiter in Richtung Wien zurück.
In Nikolsburg in Mähren fanden ab 22. Juli Friedensverhandlungen zwischen Preußen und Österreich statt. Dort tauchte auch der französische Gesandte Benedetti auf, der sich unter anderem für den Erhalt Sachsens einsetzte. Dazu gab es im endgültigen Friedensvertrag, der am 23. August in Prag zwischen Preußen und Österreich abgeschlossen wurde, einen eigenen Artikel.
Abb09-Artikel zum Friedensvertrag zwischen Preußen und Österreich
Genau am Tag dieses Friedens wurde in Berlin beschlossen, dass Dresden auch auf der rechten Elbseite befestigt werden soll. Das erfolgte aus zwei Gründen. Preußen wollte auf die sich noch im Exil aufhaltende sächsische Führung Druck machen, damit diese auf alle preußischen Forderungen einging. Dann war aber auch die internationale Lage ungewiss. Frankreich hatte sich während des Krieges zurückgehalten und dafür Gebietsgewinne erwartet. Als das nicht eintraf, kippte dort die Stimmung gegen Preußen. Für alle Eventualitäten sollte die nun im preußischen Machtbereich sehr nahe zu Österreich liegende Stadt Dresden besser geschützt werden.
Dieser Teil der Befestigung wurde wieder durch Oberst von Mertens geplant, der sich immer noch in Dresden aufhielt. Er entwarf weitere fünf Schanzen (mit den römischen Nummern VI bis X) und noch drei Batterien (mit den Namen E bis G). Die Landeskommission hatte die Arbeiten zu organisieren. Man brauchte etwa 3.000 Arbeiter, die schon drei Tage nach dem ersten Aufruf gefunden waren. Das zeigt die große Not, die damals herrschte.
Abb10-Schanzenbau rechtselbisch, Leipziger Illustrierte Zeitung 1866, nachträglich coloriert
Umfangreiche Abholzungsarbeiten begannen am 3. September 1866, denn vier Schanzen wurden in die Dresdner Heide gebaut und vor ihnen sollten 800 Meter Schussfeld geschaffen werden. Eine Woche später kamen die eigentlichen Schanzenarbeiter zum Einsatz.
Abb11-Dresden 1866 nach dem Schanzenbau
Am 8. November waren die Schanzen fertiggestellt. Ihr Bau wurde, wie schon für den ersten Abschnitt, komplett von Sachsen bezahlt. Allein der Bau beider Abschnitte hatte 651.912 Taler gekostet. Dazu kamen noch 196.824 Thaler für Grundstücke, Entschädigungen und Nebenkosten. Diese Summen lassen sich schwer umrechnen. Nur zur Einordnung: Ein Schanzenarbeiter bekam im Juli 1866 1 Taler für 9 Stunden Arbeit ohne Abzüge. Beim gegenwärtigen (01.01.2026) Mindestlohn hätte er 125 Euro Brutto in dieser Zeit verdient. Nutzt man ein Mittel aus Brotpreis und Goldpreis zur Umrechnung, kommt man auf Kosten von mindestens 60 Millionen Euro.
Endlich Frieden
Am 23. Oktober wurde der Friedensvertrag zwischen Preußen und Sachsen ratifiziert. Der Deutsche Bund bestand nicht mehr. Sachsen musste dem neugegründeten Norddeutschen Bund unter preußischer Führung beitreten. Die sächsische Armee sollte nach preußischem Vorbild umorganisiert und preußischem Oberbefehl unterstellt werden. Dazu wurde kurze Zeit später noch eine Militärkonvention abgeschlossen, die bis 1873 geheim blieb. Die Festung Königstein wurde ohne Zeitbegrenzung preußisch besetzt, mit einem sächsischen Artilleriekontingent. Über alle Befestigungsanlagen in Sachsen hatte allein der Bundesfeldherr, der preußische König Wilhelm I., zu entscheiden.
Abb12-Dresdner Anzeiger 12.12.1866
Sachsen sollte preußisch besetzt bleiben, bis die sächsische Armee umorganisiert, ein norddeutsches Parlament gewählt und die von diesem beschlossene norddeutsche Verfassung in Kraft gesetzt seien. Dresden wurde von preußischen und sächsischen Truppen gemeinsam besetzt und bekam, da es als befestigter Platz zählte, einen Gouverneur (Preuße) und einen Kommandanten (Sachse).
König Johann kam am 27. Oktober aus Österreich nach Sachsen zurück, wohnte zuerst in Pillnitz. Eine Woche später zog er unter Glockenläuten und Jubelrufen in Dresden ein. In seiner Umgebung hatte sich einiges geändert. Der berüchtigte Ministerpräsident Friedrich Ferdinand von Beust war nach Wien gegangen und Generalmajor Alfred von Fabrice neuer Kriegsminister geworden.
Doch Frieden bedeutete nicht die Beseitigung der Schanzen. Sie wurden in verschiedenen Zeitschriften mit mehr oder weniger richtigen Bildern behandelt.
Abb13-Der Schanzenkranz um Dresden, Die Gartenlaube 7/1867
In Dresden gab es eine recht starke preußische Garnison mit einem bedeutenden Anteil Artillerie und einige sächsische Bataillone.
Das norddeutsche Parlament wurde gewählt, trat zusammen und stimmte über eine Verfassung ab. Die sächsische Armee wurde recht zügig nach preußischem Vorbild umorganisiert, nannte sich nun 12. Armeekorps und behielt eine gewisse, kleine Selbstständigkeit.
In dieser Situation bereiteten die Preußen Anfang April 1867 ihren Abzug aus Dresden vor. Aber das bedeutete kein Ende der Schanzen.
Nach einigem Schriftwechsel wurde eine Kommission aus preußischen und sächsischen Pionieroffizieren, Artilleristen und Militärjuristen gebildet. Diese führten vom 15. April bis 29. April, unterbrochen durch einen sechsttägigen Osterurlaub, die Übergabe der Befestigungen und etlichen Werkzeugs sowie Baumaterials vor Ort durch. Hier können Sie die Befestigungen im Detail kennenlernen.
Jetzt war Sachsen für die Schanzen verantwortlich, konnte aber nicht über ihren Bestand entscheiden, da sie dem Norddeutschen Bund gehörten.
Die Probleme
Die Befestigungen stellten ein großes Problem dar. Einige von ihnen lagen in Gebieten, in denen sich die Stadt gerade erweiterte. Da ging es nicht nur darum, dass dort ein Gebilde aus Gräben und Erdwällen herumstand, sondern in der Umgebung von Befestigungen bestand damals immer ein sogenannter Rayon, ein Bereich, in dem Beschränkungen für Bauten galten.
Abb14-Schanze 5 an der Blumenstraße, zeitgenössische Lithographie
Für Dresden sollten vorerst die Bestimmungen der Bundesfestung Mainz angewandt werden. Danach hätten vor den Schanzen in einer Entfernung von reichlich 430 Metern kein Damm, kein vertiefter Weg und keine Sandgrube ohne Genehmigung angelegt werden dürfen. Im gleichen Bereich hätten grundsätzlich keine Mauer und kein massives Gebäude errichtet werden dürfen. Damit wäre die Ausdehnung der Stadt weitgehend behindert worden.
Mit dem Reichsrayongesetz von 1871 wurde der Bereich für diese strengen Bestimmungen auf 600 Meter erweitert und darüber hinaus galten bis 2250 Meter andere, nicht so strikte Beschränkungen.
Abb15-Fort Hahneberg in Berlin 2000, so etwas drohte Dresden im Jahr 1871
Die Befestigungen waren von der Bauart her provisorisch, also nicht auf Dauer angelegt. Wenn die preußische Militärführung sie weiterhin für nötig gehalten hätte, müsste man sie bald in permanente Forts umwandeln. Die wären zweifellos größer und dann noch schwerer wieder zu beseitigen gewesen. Im Mai 1871 wollte Moltke Dresden tatsächlich so befestigen. Wie sich die Stadt in einem solchen Fall dann in der sogenannten Gründerzeit entwickelt hätte, ist heute schwer vorstellbar. Zum Glück kam alles anders.
Die Beseitigung der Schanzen
Schon vor Baubeginn hatten die Regierung, in Gestalt der Landeskommission, und die städtischen Gremien, also der Rat der Stadt und die Stadtverordnetenversammlung, gegen die Schanzen gekämpft.
Unmittelbar nach Kriegsende versuchte Kronprinz Albert bei den Verhandlungen über die Militärkonvention zwischen Preußen und Sachsen auf die Beseitigung der Schanzen hinzuarbeiten, ohne Erfolg.
Nach dem Abzug der preußischen Truppen aus Dresden Ende Mai 1867 gab es immer wieder Petitionen und Gesuche, die Schanzen abzureißen. Richteten sich diese an die sächsische Regierung, so lautetet die Antwort, dass die Entscheidungen dazu in Berlin getroffen werden. Gingen sie nach Berlin, so war die Antwort, dass die Befestigung für die Verteidigungsfähigkeit nötig sei.
Der sächsische Kriegsminister General Alfred von Fabrice hatte jedoch den sächsischen Militärbevollmächtigten in Berlin beauftragt, regelmäßig die Meinung preußischer Generäle zum Thema zu erkunden.
Im Frühjahr 1872 gab es dann auf diesem Weg erste positive Signale. Generalfeldmarschall Helmut Graf von Moltke hatte den Deutsch-Französischen Krieg ausgewertet und legte jetzt den Wert auf ein starkes und bewegliches Heer. Für Festungen sollte nicht zu viel Aufwand getrieben werden. Anfang 1872 diskutierte er mit seinem führenden Experten die Festungsfrage und dabei fiel die Entscheidung, dass man auf die Befestigung von Dresden verzichten kann. Der entsprechende Beschluss wurde am 24. Juni 1872 vom Kaiser genehmigt. Es war aber Geheimhaltung vereinbart, da auch andere Festungswerke in Deutschland aufgegeben werden sollten. Wegen der Verhandlung mit den betroffenen Kommunen und zur Vermeidung von Grundstückspekulationen sollte das alles in einem zeitlichen Zusammenhang im Herbst publiziert werden.
Abb16-Offizielle Bekanntmachung vom 07.11.1872
Bei ihrer Gratulation zur Goldenen Hochzeit von König Johann und Königin Marie am 7. November 1872 wurde den städtischen Gremien vom König mitgeteilt, dass ein Teil der Schanzen wegfallen kann.
In den betreffenden Schanzen und Batterien begann die Geniedirektion ab Februar 1873 mit der Versteigerung von Blockhäusern und anderen Einbauten zur Wiederverwendung des Materials.
Die endgültige Beseitigung der Schanzen zog sich teilweise über Jahrzehnte hin. Sie war davon abhängig, ob die früheren Besitzer die Grundstücke zurückkauften und was sie dann machten.
Am schnellsten verschwanden die Schanzen VII und IX sowie Batterie E, die bis Mitte 1875 für den Bau der Albertstadt eingeebnet wurden. Auch die anderen Batterien wurden in den folgenden Jahren beseitigt.
Abb17-Schanze 6 vor der Einebnung 1905
Die Schanze VI blieb lange bestehen. Alle, die in ihrer Nähe bauen wollten, mussten eine Genehmigung vom Kriegsministerium einholen. Sie mussten sich gleichzeitig verpflichten, im Falle eines Krieges ihr Gebäude ohne Entschädigung zu beseitigen. Im Oktober 1896 wurde diese Bestimmung aufgehoben und das Schanzengrundstück gegen Rückzahlung des Kaufpreises an die Waldschlösschenbrauerei zurückgegeben. Erst im neuen 20. Jahrhundert erfolgte die Einebnung.
Auf dem Gelände der Schanzen I, V und X standen bis 1880 bereits erste Gebäude. Schanze IV hatte das Kriegsministerium bis 1880 als Reservefläche für den Bau einer Kaserne zurückgehalten. Deshalb wurde erst danach eine Straße angelegt und erste Häuser entstanden knapp 10 Jahre später. Das Areal von Schanze II wurde nach 1893 bebaut.
Die Schanze VIII wurde nach dem Bau der Alberstadt für die Ausbildung sächsischer Pioniere im Festungskrieg verwendet. Dafür entstanden um 1886 diverse massive Einbauten. Reste von diesen waren noch in den 1970er Jahren sichtbar. Heute befindet sich dort ein aus Bauschutt bestehender Aussichtshügel.
Abb18-Erdmassen der Schanze III an der Reichenbachstraße
Eine Hälfte von Schanze III wurde für Kleingärten genutzt und auf der anderen Hälfte siedelte sich ein Bauunternehmen an, dessen Gelände nach dem 1. Weltkrieg mit Wohnhäusern bebaut wurde. Der andere Teil wurde 1913 zum sogenannten Schanzenpark umgestaltet und erhielt 1926 den Namen Beutlerpark. Heute ist das die einzige Stelle in Dresden, an der noch Reste einer Schanze von 1866 sichtbar sind.
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